Review: Rusted Angel
Die Schweden-Thrasher Darkane sind auf dem Weg nach oben. Ihr mittlerweile drittes Album "Expanding Senses" fuhr durchgehend gute Kritiken ein, und ihre vergangenen Live-Auftritte in Europa lösten bei den Fans kleine Begeisterungsstürme aus. Und mit diesem Werk begann der Zauber...

Ursprünglich 1998 veröffentlicht, wurde Darkanes Debüt-Scheibe "Rusted Angel" Ende 2003 re-released, um wirklich jedem Fan die Möglichkeit zu geben sich diesen doch recht raren Silberling anzueignen und gleichzeitig Darkanes Entwicklungsgeschichte zu vervollständigen. Zusätzlich zum eigentlichen Album packte man noch den ehemaligen japanischen Bonus-Track "Relief In Disguise" sowei zwei Live-Aufnahmen mit auf die CD.

Damals noch mit Frontmann Lawrence Mackrory unterwegs (mittlerweile ersetzt durch Andreas Sydow), steckten Darkane hier dennoch bereits die Eckfahnen für ihr musikalisches Spielfeld ab.

Ein monumentaler Chor (übrigens eingesungen von der "Unreal Group") fängt den Hörer völlig unvermittelt ein und zieht in tief hinab in die Darkane'schen Klänge, die sich zuerst über einige sehr melodische Gitarrenriffs äußern, dann jedoch mit unglaublicher brachialer Gewalt losbrechen. Dieses Soundgewitter, das den Titel "Convicted trägt, droht einen im ersten Moment vollständig zu erdrücken, doch schnell wird klar, dass hier nicht einfach blind drauf losgeschlachtet wird, sondern höchste Präzision und Gewissenhaftigkeit vorherrschen. Wenn auch in einem Affentempo. Vocalist Lawrence Mackrory krächzt und schreit sich dabei die Seele aus dem Leib, dass es eine wahre Freude ist. Und spätestens beim ersten der unfassbar komplexen und schönen Soli des Axt-Duos Christofer Malmström und Klas Ideberg ist man sicher: hier bahnt sich etwas ganz Großes an.

Nach "Convicted" möchte man eigentlich erstmal Durchatmen, doch keine Chance. Drummer Peter Wildoer, ein wahres Tier in der Schießbude und wohl einer der fähigsten Trommler der Neuzeit, tritt das Gaspedal sofort wieder voll durch, und "Bound" verbeißt sich genauso fest im Hirn wie sein Vorläufer. Dabei geht es stetig vorwärts, Zug um Zug, ohne Halt. Selten habe ich einen so treibenden Sound erlebt.

"Rape Of Mankind" ist der erste Song der dem Hörer mal einen Auftakt könnt und ihm nicht unvermittelt durchs Gehirn schießt. Das Tempo ist hier etwas niedriger, aber keineswegs langsam. Der Song wirkt etwas klarer und bleibt so besser hängen, aber von transparenter Struktur kann man wahrlich nicht reden.

Und plötzlich herrscht Stille. Ein dumpfes Cello, Geigen... und ganz langsam scheint sich etwas zu erheben... und zwar "Rusted Angel"! Der Dreh- und Angelpunkt des Albums beginnt äußerst episch und mutiert zu einem sechseinhalb Minuten langem Black/Thrash-Epos. Spätestens an diesem Punkt der CD sitzt man Haare schwingend vor seinen Boxen und genießt jede einzelne Note. Und nach einem diabolisch gekrächztem "No compassion for the mortal!" (eigentlich ein gutes Motto für diese Scheibe) scharrt man erwartungsvoll mit Füßen und ist gespannt auf die Fortsetzung, die mit " A Wisdoms Breed" auch mehr als spontan einsetzt.

Dieser wohl thrash-lastigste Track der "Rusted Angel" schmeißt wieder jeglichen Pathos über Bord und geht direkt auf die Fresse. Wildoers Double-Bass-Stakkatos nehmen kein Ende, und die mittlerweile so charakteristischen Soli lassen jedem Stromgitarren-Fetischisten das Herz aufgehen. "Chase For Existence" beginnt dann gleich mit einem dieser Ego-Trips und ist gleichzeitig der "langsamste" Song der CD. Und trotzdem müssen andere Bands es erstmal schaffen solch ein Tempo so präzise auf einen Silberling zu packen!

Zeit zum Genießen: wär das Re-Release kauft, bekommt jetzt mit "Relief In Disguise" und " The Arcane Darkness" zwei etwa ein-minütige und wunderschöne Instrumental Stücke vorgesetzt, Besitzer der Erstausgabe müssen mit letzterem auskommen.

Aber dann soll der Schönheit auch genüge getan worden sein. Ein sägendes Saiten-Gewitter eröffnet "July 1999", einen absolut hitverdächtigen Hass-Klumpen mit apokalyptischem Inhalt. "Frenetic Visions" ist für Besitzer der 98er Variante bereits der letzte Song und lässt nocheinmal alles Revue passieren, was sich an Eindrücken und Ideen im Laufe des Albums gesammelt hat. Treibende Riff-Wände, hochklassige Drumspuren, epische Melodien, hass-triefende Vocals. Und Zum Ende hin setzt wieder der Chor ein, erst das letzte Riff unterstützend, und schließlich alleine. Er trägt einen wieder scheinbar sicher nach oben in die "normale" Welt, doch bleiben Zweifel...

Sollte man sich die 2003er Ausgabe gegönnt haben bleiben diese auch berechtigt. Denn als kleine Kaufanreiz gibt es zum Schluss nochmal Live-Versionen von "Convicted" und "A Wisdoms Breed", aufgenommen in Darkanes Heimatstadt Helsingborg. Die Aufnahmen sind qualitativ äußerst hochwertig und geben gut wieder, wie intensiv ein Live-Erlebnis mit Darkane sein kann (ich dürfte es zum Glück schon erleben, göttlich!).

Wer so ein Debüt unter das Volk wirft, sollte sich eigentlich um eine steile Karriere nicht mehr sorgen. Darkane bringen die technischen und kreativen Vorraussetzungen mit, eine der großen Bands des neuen Jahrtausends zu werden! Für mich sind sie es schon...

von Dennis Hirth